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Reportage: Borneo - Durch das Land der Kopfjäger
 
 
 
Martl Jung
  Autor: Martl Jung, Fotos: Martl Jung
An der Tour haben Martl Jung und Kerstin Wägner teilgenommen.
Diese Tour wurde im Juni 2002 durchgeführt.
 
 
 
 
Borneo: Durch das Land der Kopfjäger

Auf abenteuerlicher Route mit dem Mountainbike durch den Regenwald Borneos.

 
 
 
Die Pisten sind teilweise von einer derartigen Konsistenz, daß sich der Schlamm an den Reifen wie Beton festsetzt.
 
 

Wir fahren wie durch einen Wasserfall. Der Boden kann schon lange nicht mehr aufnehmen, was der Himmel hergibt. Wassertreten ist angesagt. Auch die Vorderradtaschen pflügen immer wieder durch die braune Brühe, die zu allem Überfluß auch noch durch die vorbeifahrenden Autos als zusätzlicher Wasserschwall über uns hereinbricht. >>Welcome in Borneo!<< ruft uns ein Malaie von seinem Moped aus zu. Rush-hour in Kota Kinabalu (KK). So haben wir uns Borneo nicht vorgestellt. Doch kaum haben wir die letzten Vororte der Haupstadt des malayischen Bundesstaates Sabah hinter uns, hört nicht nur der Regen so plötzlich auf wie er begonnen hatte, sondern auch der Verkehr.

Ausgiebig gestärkt verlassen wir am nächsten Morgen die Küstenstraße und folgen der einzigen ausgebauten Verbindung durchs Landesinnere. 1.500 Meter sind bis zum Scheitelpunkt, dem Parkeingang des Kinabalu-Parks zu überwinden, und durch das ständige Auf und Ab sind noch etliche Höhenmeter mehr zu erarbeiten.

Bei einem der ersten Gefälle zerreißt es mir auch gleich mit lautem Knall den Hinterreifen. Ein vermutlich beim Flugzeugtransport verdrehter Bremsklotz hat sich in den Mantel gebohrt. Ein Stück Gummi zur Verstärkung unter das Loch gelegt geht es mit neuem Schlauch und geringem Reifendruck weiter. Bremsen darf ich jetzt aber nur noch vorne, da sich die dicke Beule des Schlauchs sofort wieder in der Bremse verfangen würde.

Was für ein Geschmack! Die wunderbar süßen Mini-Bananen, mit denen wir uns in den Dörfern versorgen, sind eine optimale Energieversorgung. Auch das Klima wird mit zunehmender Höhe immer angenehmer. Aus der feuchten Hitze sind wir in die Region des Bergregenwaldes vorgedrungen. Ständiger leichter Regen und dicke Wolken verursachen eine Stimmung wie in der Waschküche.
Es ist bereits dunkel, als wir das Headquarter des Kinabalu-Parks erreichen. Die 50 Kilometer lange Bergstrecke war wirklich genug als Tagesetappe.

Unzählige verschiedene, riesengroße Insekten bevölkern Boden und Wände, als wir früh morgens auf die Zuteilung eines Führers bei der Parkverwaltung warten. Die Besteigung des 4.101 Meter hohen Mt. Kinabalu, des höchsten Berges zwischen Neuguinea und dem Himalaya soll trotz Massenabfertigung eines der Höhepunkte unserer Tour werden. Affen turnen oben in den Ästen der Urwaldriesen, während wir über die hohen Naturtreppen des Wurzelgeflechts rasch an Höhe gewinnen. Farne in allen Formen und Größen, bis hin zu den Baumfarnen säumen den Weg. Darunter wachsen maßkruggroße Kannenpflanzen, die sich auf dem nährstoffarmen Boden durch Insekten, die mit einer Flüssigkeit in ihren Kannengefäßen verdaut werden, am Leben erhalten.

Kurz unterhalb der Baumgrenze erreichen wir gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Wolkenbruch die 3.353 Meter hoch gelegene Laban-Rata-Hütte, unser Nachtquartier. Faszinierend, wie die Wassermassen über die Granitflächen des Kinabalu hinabschießen und die Rinne neben der Hütte in kürzester Zeit in einen reißenden Bach verwandeln.

Nur widerwillig nimmt mein Magen um zwei Uhr morgens das Frühstück auf. Die ungewohnte Höhe macht nicht nur mir zu schaffen. Die Hoffnung auf einen Sonnenaufgang am Gipfel treibt die Kolonne der Touristen aus der ganzen Welt schon in der Dunkelheit über die letzten 750 Höhenmeter hinauf. Durch dichten Nebel geht es über die meist griffigen, manchmal aber auch glitschigen Granitplatten. Der Regen nimmt genauso zu wie der Wind, während die Temperatur sinkt. Die Sonne hält sich versteckt, unbeeindruckt von der zwischen den Felsen des Lows-Peaks, des höchsten Gipfels kauernden und frierenden Menschentraube. Auch die asiatischen Grüppchen, die zum Gipfelfoto jede eine extra mitgebrachte Fahne enthüllen, können daran nichts ändern. Erst später wird der Blick zum südchinesischen Meer und auf die umliegenden Granitnadeln zwischen den Wolkenfetzen hin und wieder frei.

Neuer Tag, neues Glück. Es dämmert schon, als ich Laban-Rata verlasse. Ich bin völlig allein unterwegs, genieße den Sonnenaufgang unterwegs. Als ich den Gipfel erreiche, sind die meißten anderen Touristen schon wieder auf dem Rückweg. Wahnsinn, so ein traumhafter Berg, und dabei so leicht zu besteigen. Mehr zur Orientierung sind dicke Seile über das Gipfelplateau gelegt. Stundenlang sonne ich mich, laufe kreuz und quer über den riesigen Granitblock, von einer zur anderen der bizarren Felsnadeln, stets auf der Suche nach neuen Perspektiven. Postkartenwetter auf dem Kinabalu, so wie es in den Tropen nur selten ist.

Doch mit der Sonne kommen auch schon bald wieder die Wolken. Ein letzter Blick zurück zur >>Ugly Sister<< und den >>Donkeys Ears<< geht es im Laufschritt über hohe Stufen zurück zu den 2.500 Meter tiefer wartenden Rädern. Wenn das mal keinen Muskelkater gibt!

 
 
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Die nächsten 1.000 Höhenmeter vernichten wir noch schnell auf gutem Asphalt und liegen noch am selben Abend entspannt in den heißen Quellen von Poring. Poring, das heißt in der Sprache der Ureinwohner Bambus. Zwergenhaft kommen wir uns vor auf dem schmalen Pfad durch Urwaldriesen und Bambuswälder. Nur wenige Besucher sind hier unterwegs, denn erst nach 1,5 Stunden über den steilen, glitschigen Weg erreicht man die sieben Fälle des Langanan-Wasserfalls. Erfrischend, in den vielen Pools unterhalb der Wasserkaskaden zu schwimmen, völlig einsam und doch von der geheimnisvollen Geräuschkulisse des Dschungels umgeben. Die Tierwelt ist nicht zu überhören, zu Gesicht bekommt man in der Regel jedoch nur Blutegel, die man mit einer Priese Salz auch schnell wieder los wird.

Einen Einblick in die oberen Stockwerke des Dschungels bietet ein schwankendes Hängebrückensystem, das sich bis zu 40 Meter hoch zwischen vier Urwaldriesen aufspannt. Absolut lohnenswert, jedoch nur für schwindelfreie Besucher. Sogar einen Campingplatz gibt es in Poring. Bei Regen - und das ist der Normalfall - heißt es in der sumpfigen Wiese allerdings >>Land unter<<. Bis Telupid führt die Straße weiter durch die Berge. Hitze, Steigungen, erfrischende Bäche, Regenwald und viele kleine Dörfer kennzeichnen diese Etappe. Kleine Jungen laufen mit buntgefiederten Hühnen in der Hand ins Dorf. Auf dem Markt von Telupid und den umliegenden Restaurants sollte man sich unbedingt für die kommenden 50 Kilometer eindecken, denn ab jetzt stehen vom ursprünglichen Tieflandregenwald nur noch einzelne verkohlte Baumleichen in den scheinbar endlosen Ölpalmenplantagen. Keine Dörfer, keine Bäche, kein Schatten, nur die Überlandbusse KK-Sandakan und die stinkenden, überladenen Lastwagen, die die orangen Früchte der Ölpalmen zu den Ölmühlen fahren, bringen Bewegung ins Bild. Wenn man Glück hat, hängen an manchen der kleinen Holzstände an der Straße ein paar Bananen, Ananas oder Papayas und eine Blechdose mit Schlitz, in die man den angegebenen Betrag Ringgit einwirft. Selbstbedienung auf malayisch.

Sandakan ist eine schmutzige Großstadt, wenig sehenswert, dafür aber wichtiger Versorgungspunkt. Sogar einen neuen Mantel bekomme ich. Der Grund, überhaupt den Abstecher nach Sandakan zu machen, ist jedoch ein anderer: 25 Kilometer vor der Stadt wurde in Sepilok, einem Mangroven- und Tieflandregenwaldgebiet eine Aufzucht- und Auswilderungsstation für Orang-Utans eingerichtet. Orang-Utan, das heißt übersetzt Waldmensch und einer Sage nach sind diese Waldmenschen viel intelligenter als andere. Sie weigern sich nur zu sprechen, da sich sonst ja arbeiten müssten und nicht den ganzen Tag in den Bäumen herumspringen könnten.

Auch mein Stativ wird von den jungen Menschenaffen mit einem Baum verwechselt. Überall klettern sie hoch, diese roten Wollknäuel mit den vier langen Armen. Verspielt sind sie und neugierig, beobachten jede unserer Bewegungen genau und wollen natürlich dann auch genau auf den Knöpfen herumdrücken, die man gerade betätigt hat. Andere liegen im Gras, schneiden Grimassen und lassen sich fotografieren. Mir ist dabei allerdings unklar, ob wir uns mehr über sie wundern, oder umgekehrt.

Interessant ist vor allem die Fütterung bei Plattform B, zu der man noch 30 Minuten weiter hinein in den Dschungel laufen muß. Die hier lebenden wilderen Orang-Utans zeigen uns, daß auch sie keine Blutegel mögen, dafür aber unsere Wochenration Bananen innerhalb weniger Minuten verschlingen können. Leider können wir nicht die vor der Küste Sandakans gelegenen Inseln des Turtle-Island-Parks besuchen, auf die jede Nacht Meeresschildkröten zur Eiablage kommen. Der Ausflug ist wegen der begrenzten Besucherzahl lange voraus zu buchen.

Also machen wir uns weiter auf den Weg nach Süden. Kota-Kinabatangan ist eine verstreute Neubaustadt, mitten im flachen, gerodeten und von Plantagen durchzogenen Land. Es ist inzwischen dunkel, da wir erst nachmittags Sepilok verlassen haben. Riesige Schwalbenschwärme, deren Zuhause die nahegelegenen Gomantong-Höhlen sind, huschen im Tiefflug über die Straße. Ein Malaie sitzt im Mondschein auf dem Brückengeländer über den Kinabatangan-River und spielt Gitarre. Niemand scheint sich über uns zu wundern, nur die Hunde sind nachts wesentlich agressiver. Irgenwann ein kleines Dorf, Raststelle für die Autofahrer - und natürlich für uns. Wir sind in Paris. Ja, so heißt dieser Flecken. Kleine Jungen, die kaum über die Tischkante schauen, üben das Erwachsensein schon mal an der Zigarette. Betrunkene LKW-Fahrer spielen Karten und alle starren wie gebannt auf das, was ihnen ein Actionfilm an westlicher Kultur zu vermitteln versucht. Mit den üblichen Fragen nach dem Woher und Wohin ist das Interesse an uns ziemlich gedeckt. Wir stärken uns mit Tee und weiß-rotem Marmorkuchen, der irgendwie nach Fisch schmeckt.

Erst um Mitternacht schlagen wir kurz vor Lahat-Datu unser Zelt auf. Es war gut, diesen schattenlosen kahlen Streckenabschnitt bei Vollmond zu radeln, denn tagsüber wäre die Hitze kaum eträglich gewesen. Es wird wieder bergig, doch immer noch geht es nur durch Plantagen. Von Regenwald kaum eine Spur. Wenigstens erreicht uns bei jedem neuen Anstieg ein kühlender Regenschauer. Die letzten 100 Kilometer vor Semporna sind nahezu ohne Versorgungsmöglichkeit. Die Landschaft bietet nichts außer Kahlschlag, verbrannte Wälder und neuangelegte Plantagen.

Semporna ist ein hektisches Städtchen, bietet aber auch wieder alle Leckereien aus vielen Teilen Asiens. Doch wir sind aus einem anderen Grund hier: Sipadan. Diese winzige Insel, die als Spitze einer Kalknadel 600 Meter vom Meeresgrund aufragt, gilt als eines der besten Tauchreviere der Welt. Das merkt man auch am Preis. Wir beschränken uns deshalb auf einen Tagesausflug zum Schnorcheln. Hassan fährt uns mit seinem Außenborder vorbei an den Mangroven, durch kleine Inseln und Riffe, auf denen oft Pfahldörfer stehen hinaus zu dem 30 Kilometer vor der Küste gelegenen Eiland.

Die Fahrt war es wert. Wie ein Pilz hat sich um die unter Wasser senkrecht aufragenden Wände von Sipadan ein überhängendes und noch sehr intaktes Riff gebildet. Im glasklaren Wasser schweben wir über der abbrechenden Riffkante. Bunte Fischschwärme, unzählige verschiedene Korallen und Muscheln, kleine Riffhaie und vor allem riesige Schildkröten bevölkern das Riff. Scheinbar schwerelos bewegen sich diese Kolosse geschickt durchs Wasser, strecken immer wieder zum Luftholen ihre Köpfe heraus und tauchen wieder in die Tiefe. Weiter draußen, auf den zu Indonesien gehörenden Inseln sitzen die Piraten. Immer wieder gibt es an der Küste Sabahs Überfälle. Hassan drängt darauf, noch vor Einbruch der Dunkelheit zurückzufahren, denn dann ist man auf dem offenen Meer nicht mehr sicher. Doch die Piraten zeigen sich nicht, nur fliegende Fische begleiten unser Boot. Wir genießen das vorerst letzte Stück Straße. Tawau macht trotz seiner Größe einen sauberen und ruhigen Eindruck. Es ist mit seinem großen Hafen der wichtigste Knotenpunkt zu Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Eine Straßenverbindung existiert nicht.

 
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Letzte Aktualisierung: 20.03.01
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